Eifeler Zeitung, Marco Rose

„Silent Rider“ sucht neue Verbündete

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Eifelkommunen finden schon kurz nach Vereinsgründung bundesweit Unterstützer im Kampf gegen den Lärm.

NORDEIFEL Lärm macht krank. „Viele Menschen sagen: Ich höre es schon gar nicht mehr. Doch das stimmt so nicht – an Lärm kann sich der Mensch nicht gewöhnen“, sagt Thomas Marwein, Lärmschutzbeauftragter des Landes Baden-Württemberg. Medizinische Studien zeigten, dass der Körper durch anhaltenden Lärm gestresst reagiere. Tatsächlich seien viele chronische Krankheiten bis hin zu Diabetes unter anderem darauf zurückzuführen.

Von der Nordsee bis ins Gebirge

Lärm geht auf dem Land in erster Linie vom Verkehr und in besonders auffälliger Form oft von Motorrädern aus. Deshalb ist der grüne Landtagsabgeordnete Marwein nach Simmerath gekommen, um sich über die Anfang September neu gegründete Initiative „Silent Rider“ zu informieren und an der Vernetzung betroffener Kommunen zu arbeiten. „Die Probleme sind in ländlichen Regionen in ganz Deutschland die gleichen – von der Nordsee bis ins Gebirge“, sagt Marwein. Dabei sei klar, dass ein paar Gemeinden in der Eifel oder dem Schwarzwald alleine das Ruder nicht herumreißen könnten. „Es müssen richtig viele werden. Erst dann können wir etwas bewegen!“

In der Eifel wird das bundesweite Interesse an „Silent Rider“ mit Genugtuung registriert. So demonstrierten die Bürgermeister der Gemeinden Simmerath, Hürtgenwald und Heimbach gestern im Simmerather Rathaus Einigkeit. „Wir suchen derzeit unter Hochdruck nach weiteren Mitstreitern für unsere Kampagne“, sagt Karl-Heinz Hermanns, Bürgermeister der Gemeinde Simmerath. So wird wie berichtet zum Beispiel der Kreis Osnabrück dem Verein beitreten, im Oktober ist Hermanns dann erneut in der rheinland-pfälzischen Eifel auf Werbetour. 30 Kommunen wollen dem Verein mittlerweile beitreten, erheblich mehr haben bereits Interesse signalisiert. „Ich kann dabei immer wieder nur betonen, dass wir nicht grundsätzlich gegen Motorradfahrer sind“, sagt der CDU-Politiker. Klagen, man wolle die Biker in eine Ecke drängen, gingen am Thema vorbei. „Nicht willkommen sind bei uns die Raser und Heizer – alle anderen können gerne kommen.“

Was manche als Vergnügen betrachten, nervt die Anwohner und macht krank. Da hat einer Spaß, und 1000 müssen darunter leiden – das geht so nicht!

Thomas Marwein
Lärmschutzbeauftragter des Landes Baden-Württemberg

Das unterstreicht auch Marwein. Es gehe nicht um Verteufelung, sondern um „angemessenes Fahrverhalten“, vor allem aber darum, endlich rechtliche Schlupflöcher zu schließen. „Tatsächlich sind die meisten Biker ganz legal zu laut“, sagt der Grünen-Politiker. Dem stimmt auch Hermanns zu, der sich mächtig darüber ärgert, dass nach der jüngsten Polizei-Großaktion unter Beteiligung des Polizeipräsidenten Dirk Weinsbach Mitte September am Ende nur die Schlagzeile „Keine Lärmverstöße“ in Erinnerung blieb. „Juristisch mag das stimmen. Das ändert aber nichts am Handlungsbedarf, denn der Polizei sind schlicht die Hände gebunden“, sagt Hermanns. Weil es keine Grenzwerte für Straßen außerhalb geschlossener Ortschaften gebe, weil die Messverfahren viel zu kompliziert seien.

„Die meisten sind regelkonform, aber viel zu laut unterwegs“, bestätigt Peter Cremer (CDU), Bürgermeister von Heimbach. Es bleibe ein langer Weg, die europäischen Zulassungskriterien so zu ändern, dass sich die Situation wirklich bessern könne. „Von heute auf morgen ist das nicht zu schaffen“, sagt Hürtgenswalds Bürgermeister Axel Buch (CDU). Um so wichtiger sei es, dass mit dem Verein „Silent Rider“ nun bereits 100.000 Bürger in der Eifel „eine Stimme bekommen, die bundesweit wahrgenommen werden kann“.

Tatsächlich wird die Lösung des Problems nach Ansicht des Lärmschutzbeauftragten Marwein immer dringlicher: Die Zulassungszahlen von Motorrädern seien in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, auch Frauen würden immer häufiger Zweirad fahren. Nahezu alle seien Freizeitfahrer und auf das Motorrad nicht zwingend angewiesen.

Natürlich ist das ein mühsamer Prozess. Aber was ist die Alternative? Kapitulieren kommt für uns alle jedenfalls nicht infrage!

Karl-Heinz Hermanns (CDU)
Bürgermeister von Simmerath

„Was manche als Vergnügen betrachten, nervt die Anwohner und macht krank. Da hat einer Spaß, und 1000 müssen darunter leiden – das geht so nicht!“ Marwein verweist auf die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation, die Dezibelzahlen von über 45 kritisch sieht. „In der Eifel werden Werte von weit über 80 Dezibel gemessen – das ist indiskutabel.“ Langfristig müsse deshalb auch bei den Zweirädern ein Trend zur Elektromobilität angestoßen werden. Im Gegensatz zu E-Autos, die bei höheren Geschwindigkeiten aufgrund der Roll- und Windgeräusche kaum leiser sind als solche mit Verbrennungsmotoren, sei bei E-Motorrädern der Vorteil „eklatant“.

Von einer solchen Entwicklung würde auch der Tourismus in der Eifel profitieren, da ist sich die Runde einig. Inzwischen häuften sich nämlich bereits die Klagen von Urlaubern über rasende und laute Biker. „Touristen suchen in der Eifel wie im Schwarzwald vor allem Ruhe und Erholung. Wenn sie die nicht mehr finden, bleiben sie am Ende weg“, meint der Gast aus dem Süden Deutschlands. Das sieht auch Karl-Heinz Hermanns so: „Natürlich ist das ein mühsamer Prozess. Aber was ist die Alternative? Kapitulieren kommt für uns alle jedenfalls nicht infrage!“

    KOMMENTAR    

Es geht um die Gesundheit und ums Geld

Freiheit! Wenn es um ihr Hobby geht, sind Biker meist nicht um großeWorte verlegen. Dabei wird schnell übersehen, dass in einem am Gemeinwohl orientierten Staat die Freiheit des einzelnen grundsätzlich dort endet, wo die Interessen anderer massiv verletzt werden. Um nichts anderes geht es in diesem Dauerkonflikt, der mit „Silent Rider“ nun endlich lautstark thematisiert wird. Denn wer entlang der üblichen Motorradrouten in der Eifel wohnt, der leidet vor allem an warmenWochenenden unter teils infernalischem Lärm. Dass der krank machen kann, ist hinlänglich bewiesen.Warum sollen so viele unter dem Freizeitvergnügen weniger leiden? Das ist tatsächlich nicht einzusehen. Es gibt kein Recht auf Krach. Die Bürgermeister der an„Silent Rider“ beteiligten Kommunen sorgen sich zu Recht auch um den Tourismusstandort Eifel. Sicher, es gibt einige spezialisierte Gastronomen, die an den Bikern nicht schlecht verdienen. Das Gros der Touristen sucht in der Eifel allerdings Ruhe, Natur und Erholung. Diese Menschen möchten sich in ihrer Ferienwohnung nicht so fühlen, als seien sie gerade an einer Rennstrecke abgestiegen. Deshalb ist es wichtig, dass das Bündnis gegen die Raser und Heizer auf eine möglichst breite Basis gestellt wird und sich zum Beispiel auch die Stadt Monschau an der Kampagne beteiligt. Denn dieses Thema wird in den großen Städten kaum wahrgenommen. Dort dominieren andere Debatten. Und wer auf europäischer Ebene gehört werden will, der muss umso besser vernetzt sein. Deshalb kann man „Silent Rider“ nur einen durchschlagenden Erfolg wünschen – im Sinne und Interesse aller.

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