Eifeler Zeitung, Andreas Gabbert

Erst Platz nehmen und dann mitfahren

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Neue Form des Autostopps: Mitfahrbänke als alternatives Angebot für mehr Mobilität im ländlichen Raum

NORDEIFEL Während man in den 1970er oder 1980er Jahren am Straßenrand oft Menschen sah, die mit ausgestrecktem Daumen um eine Mitfahrgelegenheit baten, ist diese Form der Fortbewegung inzwischen aus der Mode gekommen. Seit einiger Zeit gibt es aber eine neue Form des Autostopps mit offiziellem Charakter.

Es handelt sich um sogenannte Mitfahrbänke, mit denen als Ergänzung zum ÖPNV ein alternatives Angebot für mehr Mobilität im ländlichen Raum geschaffen werden soll, das sich an einigen Orten bereits bewährt hat.

Wer von einem Auto mitgenommen werden möchte, kann auf einer dieser Bänke Platz nehmen und auf einer Tafel sein Fahrtziel angeben. „Dahinter steckt die Hoffnung, dass sich die Autofahrer rasch daran gewöhnen, dass an den Mitfahrbänken müde Wanderer, junge Leute ohne Führerschein oder Senioren warten, um mitgenommen zu werden“, sagt Sascha Schmitz von der Leader-Region Eifel, die in diesem Jahr das Projekt „Mitfahrbänke Nordeifel – Nimm doch ene mit“ umgesetzt und dafür gesorgt hat, dass in sechs Eifelkommunen 64 dieser Bänke aufgestellt wurden.

Mit Leader-Förderung

Die Gesamtkosten lagen bei rund 60.000 Euro, 65 Prozent davon wurden über die Leader-Förderung finanziert, den Rest haben die Kommunen übernommen. Daneben ist auch ein Internetauftritt Teil des Förderprojektes. Unter der Adresse www.leader-eifel.de/de/mitfahrbank kann man sich vorab zu Fahrten verabreden und findet neben einer Karte der Standorte auch ein Erklärvideo. Das Aufstellen der Bänke und Schilder haben die Bauhöfe der beteiligten Kommunen übernommen.

20 dieser Mitfahrbänke gibt es nun in der Stadt Schleiden, zwölf in Bad Münstereifel, zehn in der Stadt Heimbach, vier in der Gemeinde Dahlem, 14 in der Stadt Nideggen (davon drei in Schmidt an der Monschauer Straße, der Nideggener Straße und in Froitscheidt) und vier im Stadtgebiet Monschau. Dort sind sie in Imgenbroich an der Trierer Straße und in Kalterherberg an der Monschauer Straße, der Elsenborner Straße und am Messeweg zu finden.

Zu erkennen sind die im Rahmen des Leader-Projektes aufgestellten Bänke an ihrer blauen Farbe. Gleich daneben befindet sich das Schild, auf dem das gewünschte Fahrtziel angegeben werden kann. In Imgenbroich ist nur Kalterherberg wählbar. An den Stationen in Kalterherberg kann man zusätzlich zwischen Fahrtzielen innerhalb des Ortes wählen. Außerdem ist an der Elsenborner Straße und der Monschauer Straße das Fahrtziel Simmerath möglich. Von der Monschauer Straße und vom Messeweg geht es auch in Richtung Belgien. Am Messeweg ist zudem das Fahrtziel Mützenich möglich.

In Kalterherberg gibt es jetzt drei der blauen Mitfahrbänke. Dort sind auch Fahrtziele innerhalb des Ortes möglich. Foto: Andreas Gabbert

Auf einem anderen Schild sind alle weiteren Standorte der Mitfahrbänke aufgelistet. Außerdem wird das Prinzip erklärt und darauf hingewiesen, dass Mitnehmen und Mitfahren freiwillig sind und auf eigene Gefahr geschehen, dass die Mitfahrer über die Kfz-Haftpflichtversicherung des Fahrzeughalters versichert sind und ansonsten keine Haftung übernommen wird. Des Weiteren findet sich der Hinweis, dass die Nutzung erst ab 18 Jahren empfohlen wird.

In der Gemeinde Simmerath wurden zu Testzwecken bereits vor zwei Jahren jeweils eine Mitfahrbank in Rollesbroich und Erkensruhr errichtet. Als die Bänke in Betrieb genommen wurden, hatte der Bürgermeister erklärt, dass in anderen Orten weitere Bänke aufgestellt werden könnten, falls das Projekt gut angenommen würde.

Aussagekräftige Erkenntnisse liegen der Gemeinde Simmerath bislang aber nicht vor. Bisher gibt es keine weiteren Mitfahrbänke, von denen aus auch die Rückfahrt nach Rollesbroich oder Erkensruhr angetreten werden könnte. An dem Leader-Projekt hat sich die Gemeinde Simmerath nicht beteiligt, sonst hätten die beiden vorhandenen Bänke gegen anders gestaltete Leader-Bänke ersetzt werden müssen.

Bedenken in Roetgen

Auch in Roetgen wurde bereits über Mitfahrbänke nachgedacht. An dem Leader-Projekt hat sich die Gemeinde aber auch nicht beteiligt. Laut Bürgermeister Jorma Klauss geht es nämlich in erster Linie um eine Verbindung zwischen Rott und Relais Königsberg. Aus seiner Sicht müsse eine Lösung insbesondere auch für Jugendliche geeignet sein, und aufgrund der Nähe zur Stadt Aachen hat er da bei Mitfahrbänken so seine Bedenken. „Wenn ich eine junge Tochter hätte, würde ich nicht wollen, dass sie an Relais Königsberg auf einer Mitfahrbank Platz nimmt“, sagt Klauss. Es sei besser, über andere Lösungen nachzudenken. Denkbar seien zum Beispiel eine bessere Anbindung für Fußgänger und Radfahrer oder der Einsatz des Netliners.

In Kalterherberg wurde auch die Zukunftswerkstatt, die den vielschichtigen Folgen des demografischen Wandels und der Landflucht mit zukunftsweisenden Projekten begegnen will, in das Projekt mit einbezogen. „Wir haben uns in der Zukunftswerkstatt und mit dem Ortsvorsteher beraten und sind zu dem Schluss gekommen, dass die Bänke eine sinnvolle Ergänzung zum ÖPNV sein können“, sagt der 1. Vorsitzende Jochen Leyendecker. Das könne aber nur funktionieren, wenn es auch eine Mitfahrbank in einem anderem Ort gebe, um den Rückweg anzutreten. „Imgenbroich ist da aufgrund der vorhandenen Infrastruktur ideal“, meint Leyendecker.

Da in Kalterherberg die Wege innerorts ziemlich lang sein können, sei Wert darauf gelegt worden, auch Fahrtziele innerhalb des Ortes einzubeziehen. Am ersten Tag nachdem die Bank an der Elsenborner Straße aufgestellt wurde, habe sich gleich eine Anwohnerin gemeldet und berichtet, dass die Mitfahrbank schon erfolgreich getestet worden sei. Ansonsten sei aber schwer zu sagen, wie die Mitfahrbänke genutzt würden, erklärt Leyendecker. „Wir sind noch in der Startphase und hoffen, dass die Sache Fahrt aufnimmt“, sagt er.

Erfolg hängt von Wahrnehmung ab (Kommentar von Andreas Gabbert)

Es ist 11.14 Uhr an einem eher grauen Oktobertag in Imgenbroich. Die blaue Mitfahrerbank an der Bushaltestelle neben der Tankstelle ist noch feucht vom Regen. Deshalb entschließe ich mich, lieber doch nicht Platz zu nehmen und bleibe neben dem Schild stehen, das auf Kopfhöhe leicht im Wind schaukelt. Kalterherberg steht dort drauf und zeigt, wohin die Fahrt gehen soll. Wenige Minuten später hält das erste Fahrzeug an. Es ist der Netliner, der nach Kalterherberg fährt. Ich steige nicht ein, schließlich will ich sehen, wie das mit der Mitfahrerbank funktioniert. Inzwischen sind zehn Minuten vergangen. Die meisten Autofahrer fahren vorbei, ohne zu gucken. Um 11.27 Uhr fährt ein Bekannter vorbei, und es scheint so, als ob er anhalten würde. Er schaut verwundert, winkt und fährt dann doch weiter. Drei Minuten später hält ein Bus der Linie SB 66 an, sein Ziel ist das Parkhaus in Monschau. Inzwischen ist es 11.38 Uhr, und ein Schulbus hält an, um die Kinder aussteigen zu lassen. Um 11.52 Uhr stoppt ein älteres Ehepaar mit seinem Auto, es will aber lediglich wenden. Mich beschleicht das Gefühl, dass die Leute gar nicht wissen, dass ich mitgenommen werden möchte. Wahrscheinlich denken die meisten, dass ich dort auf den Bus warte. Um 11.54 Uhr hält dann endlich ein Bekannter und fragt, ob er mich mitnehmen kann. Nach Kalterherberg will er aber nicht fahren. Punkt 12 Uhr hält der nächste Bus der Linie SB 66. So verlässlich wie der ÖPNV ist das Angebot der Mitfahrbänke offensichtlich nicht. Das liegt wohl in der Natur der Sache. Ich werde noch von zwei weiteren Autofahrern gegrüßt, aber nicht mitgenommen. Nach einer Stunde und hunderten Autos, die nicht gehalten haben, beende ich das Experiment. Hätte ich den Daumen rausgehalten, wäre ich vielleicht schneller mitgenommen worden. Dieses Beispiel muss auch nicht maßgebend sein. Eine Kollegin berichtete nämlich, dass ihre Tochter angehalten habe, um jemanden mitzunehmen. Diese Person wartete aber wirklich auf den Bus.

Obwohl mich niemand mitgenommen hat, finde ich die Idee grundsätzlich nicht schlecht. Ob die Mitfahrbänke aber zu einem Erfolgsmodell für ländliche Mobilität werden können, hängt entscheidend davon ab, ob sie überhaupt wahrgenommen und wie sie von den Menschen angenommen werden. Vielleicht braucht es einfach etwas Zeit, um die Mitfahrbänke auch in der Nordeifel zu etablieren.

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